Mit der Pick-by-Vision-Technologie geht FIEGE Logistik einen wichtigen Schritt in Richtung des digitalen Warenlagers der Zukunft. Der Logistikdienstleister, ursprünglich im westfälischen Greven beheimatet, setzt im Rahmen eines Pilotprojekts am Standort Worms auf die Unterstützung durch aktuell 14 Datenbrillen der Marke Google Glass 2. Ermöglicht wird dieses Pilotprojekt durch die Kooperation mit dem IT-Dienstleister Picavi, der sich auf die Einrichtung von Pick-by-Vision-Systemen spezialisiert. Wir trafen Michael Suden, Managing Director FIEGE Industry Logistics, zum Interview, um mehr über dieses spannende Projekt in Erfahrung zu bringen.

„Pick-by-Vision“ ersetzt „Pick-by-Voice“: Michael Suden (links) erklärt die Beweggründe für das Pilotprojekt mit der Datenbrille Google Glass 2 am Standort Worms

Gerade in der Logistikbranche bietet die Digitalisierung enorme Möglichkeiten zur Verbesserung von Qualität und Effizienz. Dies hat auch FIEGE Logistik frühzeitig erkannt. Es sei daher nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Pick-by-Vision zum Einsatz komme, erklärt Michael Suden, Managing Director FIEGE Industry Logistics. Im Rahmen der kontinuierlichen Verbesserungsbemühungen war schnell klar, dass die Digitalisierung der Logistikprozesse innerhalb des Unternehmens eine führende Rolle einnehmen werde. Um diesen Bestrebungen Nachdruck zu verleihen, richtete FIEGE Logistik bereits früh ein eigenes Projektteam ein, welches sich auf Messen stets über aktuelle Techniken und Trends informiert. Dadurch konnte sich der Logistikdienstleister einen umfassenden Marktüberblick verschaffen und entdeckte schließlich die Vorteile der neuen Pick-by-Vision- gegenüber der konventionellen Pick-by-Voice-Technologie für sich. Dieses neue Verfahren ermöglicht dabei u.a. das schnelle Scannen von Seriennummern bei der Kommissionierung, welches mit dem alten Voice-System nicht möglich war. Unter dem Strich steht dank einer Produktivitätssteigerung um 5% eine wertvolle Zeitersparnis – für Michael Suden ein entscheidendes Argument für die neue Technologie.

Am Standort Worms pilotiert FIEGE Logistik derzeit erfolgreich den Einsatz der Datenbrille Google Glass 2

Als Technologiepartner steht der FIEGE Logistik die Picavi GmbH aus Herzogenrath zur Seite, welche die Pick-by-Vision-Software individuell auf die Bedürfnisse des Logistikunternehmens zuschnitt. Als Hardware kommt die neue Glass 2 von Alphabet (Google) zum Einsatz. Nach dem mäßigen Erfolg der ersten Google Glass für End-User und der daraus resultierenden Einstellung des Vertriebs im Jahr 2015 kündigte Alphabet (Google) erst Mitte Juli an, mit der Glass 2 nun explizit Industriekunden ins Visier zu nehmen. Im Falle der FIEGE Logistik flog der Internetriese dazu sogar extra einen Experten aus San Francisco ein, um den Einsatz der neuen Datenbrille am Standort Worms zu begutachten. Die Google Glass 2 projiziert ein kleines Display vor das Auge des Trägers und ist zudem mit einer Kamera für Aufnahmen aus der Ich-Perspektive ausgestattet – beides Eigenschaften, die sie für den Einsatz in der Warenkommissionierung prädestiniert.

In der ersten Phase des Pilotprojekts gewöhnen sich die Mitarbeiter an den Einsatz der Datenbrille und arbeiten zudem an der Behebung einiger „Kinderkrankheiten“

Bei FIEGE Logistik sind im Rahmen der ersten Testphase aktuell 14 dieser Brillen im Einsatz. Zunächst sollen in einer ersten Phase „Kinderkrankheiten“ behoben und die Mitarbeiter an den Umgang mit der neuen Technologie gewöhnt werden. So ist beispielsweise die Akkulaufzeit der Glass 2 bereits auf den Schichtbetrieb im Lager angepasst. Bei der Verkabelung hapert es momentan jedoch noch an der Flexibilität, die bei der Warenverräumung unabdingbar ist. Ab Oktober soll daher ein spezielles, momentan vor allem in der Formel 1 eingesetztes Kabel zum Einsatz kommen, welches dann auch den Anforderungen an den Arbeitsalltag im Logistiklager gerecht wird. Auch individuelle Anpassungen, zum Beispiel in Bezug auf die Sehschwäche neu eingestellter Mitarbeiter, müssen kontinuierlich vorgenommen werden, um den Einsatz der Glass 2 zu optimieren. Dennoch zeigen sich die Projektverantwortlichen bislang begeistert von der neuen Technologie.

Sebastian Olbert (links) erklärt den ku.bus-Redakteuren, wie die Integration der Datenbrillen in den Arbeitsalltag eine schnellere und präzisere Warenkommissionierung ermöglicht

Dank individueller Anpassungen durch den Partner Picavi ist es den FIEGE-Mitarbeitern möglich, die Brillen mehr und mehr in ihren Arbeitslalltag einzubinden. Hauptsächlich wird die Glass 2 im Moment zum Scannen von ein- und ausgehenden Waren verwendet. Dadurch ist es den Kommissionierern dank freier Hände und dem Display, welches ihnen stets auftragsrelevante Daten anzeigt, möglich, schneller und präziser zu arbeiten und einfache Fehler zu vermeiden. Gleichzeitig können sie sich auf die ergonomischen Bewegungsabläufe konzentrieren. Um diesen Abläufen eine stabile und verlässliche Basis zu geben, hat FIEGE Logistik am Standort Worms zusätzlich in den Ausbau des WLAN-Netzes investiert. Dies ist allerdings erst der Anfang. Michael Suden betont, dass die eingesetzte Technologie extrem anpassungsfähig sei, sodass es noch viele weitere Möglichkeiten zur Einbindung in andere Aufgabenfelder gebe. Er und sein Team arbeiten kontinuierlich daran, ebendiese neuen Einsatzmöglichkeiten zu erschließen und hoffen, die Pilotphase schon bald um weitere Anwendungsfelder ergänzen zu können.

Zufriedenheit auf ganzer Linie: Sowohl Michael Suden (3.v.r.) als auch Jens Ritscher (3.v.l.) sowie die Mitarbeiter am Standort Worms sind von „Pick-by-Vision“ überzeugt

Nicht nur beim Management kommen die Datenbrillen gut an. Auch die Mitarbeiter, erklärt Suden, seien glücklich über die neue, technische Unterstützung. Viele Kollegen berichteten im Bekanntenkreis stolz über die Vorteile der Digitalisierung an ihrem Arbeitsplatz. Dies trage auch dazu bei, das Image der FIEGE Logistik und der gesamten Branche deutlich zu verbessern. Manchen Mitarbeitern gefallen die Brillen sogar so gut, dass sie diese auch in der Pause mit in die werksinterne Cafeteria nehmen. Michael Suden erklärt schmunzelnd, dass intern mitunter bereits von den „FIEGE Cyborgs“ die Rede sei. Auch das Anlernen von Mitarbeitern an die Brillen stelle kein Problem dar: „Unsere Mitarbeiter haben das Picken mit der Datenbrille sehr schnell erlernt. Das Feedback war durchweg positiv. Die Brille sei angenehm zu tragen und zeige auch nur dann Informationen an, wenn sie benötigt würden“, so Jens Ritscher, der bei FIEGE Logistik das Pilotprojekt Pick-by-Vision betreut.

Ausblick: Schon im Oktober erhält Worms weitere Datenbrillen, um der Größe des Standorts gerecht zu werden

Das Pilotprojekt, im April dieses Jahres gestartet, ist mittlerweile zu 90% abgeschlossen und das Feedback der Mitarbeiter rundum positiv. Trotz kleinerer Kinderkrankheiten freut sich FIEGE Logistik darauf, den Bestand an Google Glasses voraussichtlich im Oktober auf 60 Exemplare aufzustocken. Auch andere FIEGE-Standorte hat Michael Suden bereits fest im Blick. Nach und nach sollen diese an die neue Technologie angebunden werden. Dadurch operiert das Unternehmen nicht nur am Puls der Zeit, sondern – so hofft Suden – gewinnt darüber hinaus auch überregional an Ansehen als interessanter und innovativer Arbeitgeber in der Logistikbranche. Im Hinblick auf das geplante Amazon-Lager in Frankenthal ist es für FIEGE Logistik allerdings auch lokal von Interesse, das Image des digitalisierten Standorts in Worms nachhaltig zu pflegen, um der namhaften Konkurrenz in der Region weiterhin die Stirn bieten zu können.

Digitale Vorreiterrolle: Der Einsatz der Datenbrillen lockt am Standort Worms zahlreiche neue Kunden an

Doch nicht nur für potentielle Angestellte wird FIEGE Logistik durch den Einsatz des Pick-by-Vision-Systems zunehmend interessanter. Seit Einführung der Glass 2 am Standort Worms hat das Unternehmen auch im großen Stile neue Kundenkontakte gewonnen. Dies wirkt sich nicht nur auf die langfristigen Geschäftsinteressen des Logistikdienstleisters positiv aus. Auch der Metropolregion Rhein-Neckar hilft der moderne FIEGE-Standort in Worms, ihr Image als Vorreiter in Sachen Digitalisierung zu pflegen – eine Entwicklung, die auch das ku.bus-Team weiterhin mit großem Interesse begleiten wird.

FIEGE Logistik im Porträt

Im Jahr 1873 gegründet, hat sich FIEGE Logistik vom lokalen Familienunternehmen im westfälischen Greven zu einem der führenden Logistikanbieter in Europa entwickelt. Mittlerweile in fünfter Generation, befindet sich das Unternehmen dabei weiterhin in Familienbesitz. Mit rund 12.000 Mitarbeitern an 178 verschiedenen Standorten in 15 Länder ist FIEGE global tätig und gilt als Pionier der Kontraktlogistik.

Link: https://www.fiege.com

Autoren: Tobias Voß, Niklas Walter

Fotos: FIEGE Gruppe