Dass es ein außergewöhnlicher Nachmittag werden sollte, das stand schon kurz nach den einleitenden Worten von Bilfingers CEO Tom Blades fest. Michael Münzing, auf. Dieser sprach in seiner Einführung von den fünf Generationen, die sein Unternehmen schon überdauert hat. Blades merkte nur süffisant an: „Münzing ist in der fünften Generation. Ich bin der fünfte Bilfinger CEO in vier Jahren. Allein die Zahl fünf verbindet uns.“ Das Publikum der angereisten Pressevertreter schmunzelte. Jedoch war der sympathische Brite nicht der einzige Grund, warum viele die Anfahrt in das beschauliche Abstatt bei Heilbronn auf sich genommen hatten. Münzing Chemie hat hier seit 2014 sein neues Technologie- und Verwaltungszentrum. Ein halbrunder Bau, der, wenn man ihn zum Kreis zu Ende denkt, sehr an eine andere brandneue Firmenzentrale im fernen kalifornischen Cupertino erinnert.

Das halbe UFO von Abstatt – das Münzing Chemie GmbH Verwaltungsgebäude in der Nähe von Heilbronn

Hierhin haben Bilfinger und Münzing also an diesem Nachmittag zum Pressetrip „Pilotprojekt Digitalisierung Bilfinger/Münzing“ eingeladen. Es sollte um nichts weniger als die Zukunft der beiden Unternehmen gehen: Bilfinger und der Hersteller von Additiven unterzeichneten an diesem Nachmittag einen Kooperationsvertrag auf unbestimmte Zeit. Darin vereinbarten sie, dass Bilfinger die technischen Informationen zu einer bestehenden Pulveranlage im Werk Heilbronn digital erfasst. Gleiches gilt für zwei chemische Reaktoren von Münzing, die neu gebaut werden und von Beginn an einen sogenannten digitalen Anlagen-Zwilling erhalten. Außerdem wurde festgelegt, dass Instandhaltungs- und Produktionsdaten über eine neue digitale Plattform von Bilfinger zusammengeführt und umfassend ausgewertet werden.

Was zunächst wirtschaftlich sinnvoll und als den Megatrends Internet of Things (IoT) und Industrie 4.0 folgend erscheint, zeichnet ein Projekt von hoher Komplexität für beide Partner. Es muss nicht nur ein stimmiger Modus der Zusammenarbeit gefunden werden, sondern es wird auf beiden Seiten ebenfalls sehr viel Neuland beschritten. Es geht um Fragen wie: Welche existierenden Datenpools können wir bereits heute in die Analyse miteinbauen? Mit welcher Sensorik vernetzen wir unsere Produktionsanlagen am smartesten? Wie konfigurieren wir die Schnittstellen unserer Plattformarchitektur am geschicktesten, so dass wir am Ende nützliche Insights aus unseren Daten extrahieren können?

Tom Blades betont in seiner Kurzpräsentation: „Vorausschauende Maintenance beginnt für uns beim Engineering. Wenn ich weiß, wie sich meine Anlagenkomponenten unter bestimmten Umweltbedingungen verhalten, kann ich dies in die Entwicklung von Neuanlagen einfließen lassen. Diesen Kreislauf aus Engineering, Realisierung und Betrieb bezeichnen wir bei Bilfinger als Total Cost Ownership (TOC).“

Vertreter der Bilfinger SE und der Münzing Chemie GmbH unterschreiben den Kooperationsvertrag zum gemeinsamen Digitalisierungsprojekt im Vorfeld des Pressetermins

Und genau hier soll die neue Maintenance, Modifications and Operations (MMO) -Plattform ansetzen. Bilfingers Chief Digital Officer Franz Braun, der erst vor kurzem ernannte neue Mann für digitale Themen, fügt an: „Das Pilotprojekt ist zunächst nur auf die Anbindung einiger Anlagen angelegt. Sind die Ergebnisse und Erkenntnisse vielversprechend“, so Braun, „werden wir weitere Anlagen der Münzing Chemie an die Plattformarchitektur anbinden. Das gesamte Bilfinger Leadership-Team ist sich der Tatsache bewusst, dass dies ein zukunftsweisendes Projekt ist und wir heute noch gar nicht alle Antworten auf die Frage nach dem zukünftigen Geschäftsmodell haben können.“

Zielarchitektur ganz einfach – auf Folie sieht die Zusammenführung der Datensilos so trivial aus.

Bei der anschließenden Live-Demo der MMO-Plattform durch den Bilfinger-seitigen Projektleiter Martin Bergmann wurde eines sehr deutlich: Es wird nicht nur von einer Plattform gesprochen, sondern auch intensiv an der Zusammenführung der vorhandenen Datensilos gearbeitet. Dr. Andreas Heidbreder, Projektleiter der Münzing Chemie GmbH, betont: „Wir arbeiten in sehr engem Schulterschluss mit den Kollegen von Bilfinger. Die Zusammenarbeit ist zu jedem Zeitpunkt sehr partnerschaftlich und lösungsorientiert. Es gibt viele Herausforderungen, mit denen keiner von uns bisher konfrontiert war. Das interdisziplinäre Team des Bilfinger Digitalization & Innovation Labs und meine Mitarbeiter der Münzing Chemie haben aber bisher auf jede Frage eine Antwort gefunden – wie bespielen wir eine neue Datenschnittstelle, welche Software ist die richtige? Und das ist nur eine kleine Auswahl der Fragestellungen, die es zu beantworten gilt.“

Und soll das MMO-Dashboard dann einmal aussehen, wenn es fertig ist.

Natürlich geht es bei diesem gemeinsamen Projekt der beiden Unternehmen um die Realisierung der großen Wunschvorstellung „Predictive Maintenance“ – der Reparatur oder des kompletten Austauschs einer Anlage schon vor einem teilweisen oder gesamten Ausfall: Sollten die Potenziale der Datenanalyse gehoben werden können, so erwartet Münzing Millionen an Einsparungen. Leicht vorstellbar, dass die Instandhaltungskosten rapide sinken, wenn eine Anlage überdurchschnittlich stark vibriert, dies dann im Datenmuster festgehalten und analysiert wird und letztlich zu einem punktgenauen Bauteileaustausch führt, die die Störung verursachen. Für Bilfinger ist allerdings nicht „nur“ die Kostenseite ein Thema: Ein ganz neues Geschäftsmodell, „Maintenance as a Service“, könnte bei Erfolg des Projekts entstehen. Bilfinger-Mitarbeiter weltweit könnten in die Instandhaltung auf Basis einer digitalen Plattform eingebunden werden, und der globale Bilfinger Wissensfundus könnte zur kollaborativen Anlagenoptimierung eingesetzt werden.

Im Zielzustand alle vernetzt: Anlagen der Münzing Chemie

Rückblickend möchte das ku.bus-Team nochmals seinen Dank an die Verantwortlichen bei Bilfinger und Münzing richten. Zum einen für die Einladung zu diesem einmaligen Blick hinter die Digitalisierungsprojektkulissen beider Partner, zum anderen aber auch und insbesondere für die Portion Demut und Doing-Mentalität, die beide Partner dem Thema Industrie 4.0 gegenüber an den Tag legen. Wie viele Präsentationen haben wir schon von Firmen gesehen, an deren Anfang sehr viel Talk und wenig Fassbares stand! Wir haben das Gefühl, dass der Mannheimer Industriedienstleister und der Heilbronner Additivehersteller hier beide das umgekehrte Verhältnis gewählt haben. Oder in Bilfingers Worten ausgedrückt: We create. We care. We can.

Wir wünschen beiden Unternehmen viel Erfolg bei der Umsetzung dieses spannenden Digitalisierungsprojektes.

Dr. Michael Münzing erläutert die Architektur der Firmenzentrale

Bilfinger SE und Münzing Chemie GmbH im Profil

Bilfinger ist ein international führender Industriedienstleister. Der Konzern steigert die Effizienz und die Umweltverträglichkeit von Anlagen, sichert hohe Verfügbarkeit und senkt die Instandhaltungskosten. Das Portfolio deckt die gesamte Wertschöpfungskette ab: von Consulting, Engineering, Fertigung, Montage, Instandhaltung, Anlagen-Erweiterung und deren Generalrevision bis hin zu Umwelttechnologien und digitalen Anwendungen. Das Unternehmen erbringt seine Leistungen in zwei Geschäftsfeldern: Engineering & Technologies sowie Maintenance, Modifications & Operations. Bilfinger ist speziell in den Regionen Kontinentaleuropa, Nordwesteuropa, Nordamerika und Naher Osten aktiv. Die Kunden aus der Prozessindustrie kommen u.a. aus den Bereichen Chemie & Petrochemie, Energie & Versorgung, Öl & Gas, Pharma & Biopharma, Metallurgie und Zement. Bilfinger steht mit rund 37.000 Mitarbeitern für höchste Sicherheit und Qualität und erbrachte im Geschäftsjahr 2016 eine Leistung von 4,2 Mrd. €.

Link: http://www.bilfinger.de

MÜNZING ist ein renommierter, in Familienbesitz befindlicher Hersteller von Spezialadditiven mit Hauptsitz in Abstatt, Deutschland. Um seine Kunden weltweit mit Additiven zu beliefern, ist Münzing in über 40 Ländern vertreten. Als Unternehmen mit Schwerpunkt Technologie beschäftigt Münzing hochqualifizierte Mitarbeiter in Forschung & Entwicklung sowie im anwendungstechnischen Service in Europa, Amerika und Asien. Die Produktionsstätten in Deutschland, USA und China bieten vielfältige Möglichkeiten der Formulierung und Synthese. Münzings Maxime ist es, Werte zu schaffen und es seinen Kunden durch Additive zu ermöglichen, ihre Produkte zu verbessern. Das Portfolio, bestehend aus Entschäumern, Dispergiermitteln, Rheologiemodifizierern, Emulgatoren, Netzmitteln und Verlaufsadditiven, mikronisierten und beschichteten Wachsen sowie Wachsdispersionen und –emulsionen, wird weltweit für seine Leistungsfähigkeit, Qualität und technische Innovation geschätzt.

Link: http://www.muenzing.com

Autor: Oliver Brümmer

Fotos: Bilfinger SE & Münzing Chemie GmbH