12.30 Uhr auf dem SAP Campus an einem sonnigen Donnerstagmittag: Wanda Menger, SAP Verantwortliche für das KinderHelden Projekt „Cleverlinge²“ legt 20 Unternehmensbadges bereit. Es sind nicht irgendwelche SAP-Besucherausweise, die sie in den Händen hält. Es sind die mit Passfoto personalisierten Einlasskarten der wenig später eintreffenden Schüler der 4c aus der Grundschule Emmertsgrund in Heidelberg.

Jede zweite Woche besuchen die Sprösslinge ihre Tandempartner bei der SAP, gehen mit ihnen in der SAP-eigenen Kantine essen, machen gemeinsam Hausaufgaben und spielen auf dem weitläufigen Walldorfer Unternehmenscampus. Die SAP stellt nicht nur die Räumlichkeiten und die Verpflegung, sondern insbesondere auch die Zeit ihrer Mitarbeiter zur Betreuung der Kinder.

Ein weiteres Mentoring-Tandem auf dem Tandemfahrrad

Jonas Stirner aus dem Talent Rotation Program „Corporate Audit“ der SAP ist solch ein Tandempartner. Er hat sich letztes Jahr dem Projekt Cleverlinge² angeschlossen. „Ich habe selbst einen Mentor bei der SAP gesucht. Dann habe ich im Intranet gesehen, dass bei den Cleverlingen² noch Mentoren gesucht werden. Ich fand das Projekt toll und habe selbst als Mentor zugesagt.“ Was sich aus Jonas Mund nach einem sehr formlosen Prozess anhört, ist in Realität ein mehrstufiges Aufnahmeverfahren. Es findet zunächst ein persönliches Gespräch zwischen dem Mentorenanwärter und KinderHelden, der Organisation hinter Cleverlingen², statt. Erweitertes Führungszeugnis und zwei Referenzen, aus dem beruflichen und privaten Umfeld, müssen vorgelegt sowie ein Aufnahmeworkshop durchlaufen werden. Am Ende findet ein weiteres Gespräch mit Psychologen oder Pädagogen der KinderHelden statt, die in einem Vieraugenprinzip die Eignung des zukünftigen Mentors prüfen und bei grünem Licht das „Matching“ mit einem der Kinder vornehmen. „Manchmal weiß man alleine anhand der Ausdrucksweise des Kindes sofort, welches Kind zu welchem Mentor passen könnte. Jedoch müssen wir dann natürlich prüfen, ob es auch wirklich stimmig ist. Wir investieren immer viel Zeit und legen sehr großen Wert auf diese passende Zusammenstellung, da sie ausschlaggebend für eine gute Tandemzeit ist“, erklärt Linn Schöllhorn, die Geschäftsführerin der KinderHelden gGmbH, den Auswahlprozess.

Linn Schöllhorn und Wanda Menger im Gespräch

Neben Jonas Stirner und Wanda Menger, die bei der SAP im HR Bereich Total Rewards tätig ist, engagieren sich viele weitere Kollegen – vom Praktikanten bis zum Vorstand. Finanzvorstand Luka Mucic sind die Cleverlinge² eine Herzensangelegenheit: „Wir sind stark in der Metropolregion  Rhein-Neckar verwurzelt. Wir profitieren von den Vorzügen dieser digitalen Vorzeigeregion und ihrer Fachkräfte, und sehen es als unsere Verpflichtung an, auch etwas an die Gesellschaft zurückzugeben und in einen guten sozialen Zusammenhalt zu investieren. Mit den Cleverlingen² machen wir das schon früh in der Entwicklung der Kinder. Was ich immer wieder bemerkenswert finde, ist darüber hinaus die Entwicklungsmöglichkeit, die das Programm für unsere eigenen Mitarbeiter bietet. Erklären sie mal einem Cleverling, warum es sich für ihn lohnt, wenn er sich regelmäßig seinen Hausaufgaben widmet. Das sind echte Führungsqualitäten, die hier von uns gefragt sind“, sagt Mucic.

Das Foyer der Kantine, in dem die Mentoren auf ihre Schützlinge warten, füllt sich langsam. Jeder Mentor greift zum Badge seines Schützlings, um es ihm wenig später persönlich um den Hals hängen zu dürfen. Jonas ist heute nicht nur mit Badge ausgestattet, sondern auch mit einem Jutebeutel. Was denn im Beutel sei, möchten wir von ihm neugierig wissen. „Shahmeer, mein Mentee, hatte Ende März Geburtstag. Da habe ich ihm noch eine Kleinigkeit als nachträgliches Geburtstagsgeschenk besorgt“, freut er sich schon auf die Übergabe des Päckchens.

Jonas und Shameer an der Essensausgabe in der SAP Kantine

Punkt 12.45 Uhr steht dann der Bus mit den Kindern samt Lehrerin Christina Speck vor dem SAP-Gebäude. Kurz nachdem die Tür des Busses sich geöffnet hat, stürmen die Kinder auch schon ins Gebäude. Von geordneten Zweierreihen mit Händchenhalten keine Spur mehr. Zu groß ist die Vorfreude auf ihre Mentoren. Ein großes Begrüßungsknäuel bildet sich in der Halle. Wenn wir es nicht besser wüssten, würden wir denken, dass es ein Wiedersehen nach Jahren ist. Zu unserer Überraschung löst sich das Knäuel doch relativ schnell auf. Der Hunger aller Beteiligten ist wohl die Ursache. Die Tandems zieht es in die Kantine. Nachdem sich die Kinder und Ihre Mentoren ihr Mittagessen ausgesucht haben, geht jedes Tandem seinen eigenen Weg für den Nachmittag. Jonas und Shahmeer entscheiden sich für einen sonnigen Platz am Fenster. Was sie denn heute gemeinsam unternehmen werden, möchten wir von Shameer wissen. Ohne lange zu zögern, antwortet der eingefleischte Cristiano-Ronaldo-Fan in einwandfreiem Deutsch: „Wir gehen heute Fußball spielen.“ Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, erläutert Jonas, als er sich zurückerinnert: „Als wir uns das erste Mal im September letzten Jahres getroffen haben, war Shahmeers Deutsch noch nicht so gut. Da haben wir uns auch noch viel auf Englisch und mit Händen und Füßen verständigt. Wie schnell er die Sprache gelernt hat, ist schon Wahnsinn.“ Heute ist Deutsch sogar Shameers Lieblingsschulfach.

Offizielles Video der Kinderhelden gGmbH über das Cleverlinge²-Programm in Zusammenarbeit mit der SAP

Der aus Pakistan stammende Junge, der mit seinen Eltern und seiner siebenjährigen Schwester in Rohrbach lebt, ist heute deutlich aufgedrehter als sonst. „Wenn die Presse mit Fotograf da ist, möchte er natürlich zeigen, was er kann“, beobachtet Jonas und bekommt es beim gemeinsamen Fußball am späteren Nachmittag am eigenen Leibe zu spüren. Nach etlichen Runden und Tacklings um einen der Campus-Teiche, inklusive einem Rettungsmanöver am schwimmenden Fußball, muss Jonas an dem Tag nicht mehr joggen oder ins Fitnessstudio gehen. Der Schweiß rinnt ihm geradewegs von der Stirn.

„Manchmal fragen sich die Mentoren nach einiger Zeit mit ihren Kindern, wer jetzt eigentlich mehr von wem lernt. Es kommt schon auch mal vor, dass eine Mentorin ihre Überlegung, in eine größere Wohnung zu ziehen, überdenkt und schlussendlich verwirft, weil die Familie des Tandemkindes gerade mit Oma und Opa zu siebt auf engem Raum übernachtet hat“, so schildert Linn Schöllhorn die „erdenden“ Erfahrungen, die einige Mentoren im Laufe des Programms machen.

Jonas und Shameer beim Kicken am Campus-Teich

Linn Schöllhorn weiß, wovon sie beim Thema Mentoring spricht. Das Konzept treibt sie nicht erst seit gestern um. Die Wahl-Ludwigshafenerin lernt die Organisation BigBrothersBigSisters, den KinderHelden Vorgänger in Deutschland, während des Auslandsstudiums in den Staaten kennen. Früh erkennt sie das Potenzial, das in der 1:1 Betreuung von Kindern aus bildungsbenachteiligtem Elternhaus durch ganz „normale“ Arbeitnehmer steckt. „KinderHelden möchte einen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit in Deutschland leisten. Auf Mannheim bezogen gibt es eine Studie, die transparent macht, wie evident das Problem ist: 2010/11 gingen über 80% der Kinder aus der Mannheimer Oststadt auf das Gymnasium, in der Neckarstadt West waren es nur 12%. Wir möchten mit KinderHelden genau zu dem Zeitpunkt ansetzen, wo ein Bildungspartner am meisten ausrichten kann: am Übergang zur weiterführenden Schule. Wenn wir uns unseren Freundeskreis einmal anschauen, dann haben wir immer jemanden, der uns bei einem bestimmten Problem helfen kann. Genau das fehlt den Kindern und hier springt der Mentor ein.“

Die Ankunft der Kinder aus der Emmertsgrund-Grundschule auf dem SAP Campus

Wir möchten von der Klassenlehrerin der 4c, Christina Speck, wissen, was sie über KinderHelden und den Einfluss von KinderHelden auf die Entwicklung ihrer Schüler denkt. Bevor sie auf unsere Frage eingeht, ist sie voll des Lobes für das KinderHelden-Team von Linn Schöllhorn: „Ich bewundere eure Passgenauigkeit bei den Tandems. Wie ihr es immer hinbekommt, basierend auf den Vorgesprächen, Mentoren und Mentees so gut zu matchen, allergrößten Respekt“, richtet sie das Wort direkt an Linn. Dann geht sie auf unsere Frage ein: „Direkt nach den Nachmittagen bei der SAP sind alle Kinder sprudelnd vor Enthusiasmus. Jeder möchte mir im Bus nach Hause erzählen, was er heute Besonderes mit seinem Mentor erlebt hat. Die Kinder sind so stolz, jedes Mal ihren eigenen SAP-Ausweis zu bekommen und laufen mit breiter Brust über den Campus. Dieses Selbstbewusstsein ist Tage später noch spürbar. Sie trauen sich dann, ganz neue Dinge auszuprobieren. Das Stigma, nicht dazuzugehören, ist auf einmal wie verflogen.“

Klassenlehrerin Christina Speck im Gespräch mit Wanda Menger und Linn Schöllhorn

Nicht nur die Kinder profitieren, auch Jonas erzählt uns, dass er am Anfang sehr viel verklemmter im Umgang mit Shahmeer war. „Ich habe mich nicht getraut, mit ihm Fußball zu spielen. Es könnte uns ja ein Kollege aus dem Büro beobachten und denken, was wir denn um diese Uhrzeit mit dem Fußball auf dem Campus machen. Mittlerweile ist mir egal, wer uns beim Spielen auf dem Campus beobachtet. Ganz im Gegenteil: Ich habe den Campus wieder mehr als Spielwiese entdeckt – auch für mich selbst.“ Dass eine Spielwiese nicht bedeutet, dass man die Plastikfolie der Seifenblasendose wahllos auf den Boden werfen kann, das bekommt Shahmeer in einer Ermahnung von Jonas zu spüren. Auch dem Mentee Grenzen zu setzen, gehört zum Repertoire eines Mentors. Ob er sich denn vorstellen könne auf solch einem schönen Campus und bei einer solch renommierten Firma wie der SAP zu arbeiten, möchten wir von Shameer wissen. „Wenn ich kein Fußballprofi werde, dann vielleicht ja“ antwortet er kess, als wir schon wieder auf dem Weg zur Eingangshalle sind, wo der Bus bereits zur Abfahrt in Richtung Emmertsgrund-Grundschule auf die Schüler wartet.

Eine Überraschung hält der Nachmittag dann aber doch noch für Shahmeer vor der Verabschiedung bereit: ein niegelnagelneues Real Madrid Adidas-Trikot-Set als nachträgliches Geburtstagsgeschenk von Jonas. Wir hätten gerne Mäuschen auf der Heimfahrt gespielt, aber Frau Speck wird uns sicherlich von den vor Begeisterung sprudelnden Kindern – vor allem Shahmeer – berichten können.

Shameer mit seinem SAP Lieblingsgetränk – einer Tasse Kakao

KinderHelden gGmbH im Profil

KinderHelden bietet qualitativ hochwertige Mentoring-Programme mit professioneller Begleitung für Kinder und Jugendliche an. Mittlerweile bringt es KinderHelden deutschlandweit auf 1.000 Tandems und 132.000 geleistete Ehrenamtsstunden im Rahmen dieser Tandems. Das Projekt „Cleverlinge²“ ist einzigartig in Deutschland. Hier engagiert sich die SAP SE als direkter KinderHelden Bildungspartner in einem nur für SAP Mitarbeiter zugänglichen „Mentoring am Arbeitsplatz“-Programm.

Zu den direkten Förderern von KinderHelden gehören neben der SAP namhafte Stiftungen der Region wie die Dietmar Hopp- und die Heinrich-Vetter-Stiftung, aber auch weitere privatwirtschaftliche Unternehmen wie EY, Fuchs Petrolub, die Robert Bosch GmbH und die Daimler AG. Die Stadt Mannheim unterstützt ebenfalls. Im Rahmen des Programms „Cleverlinge²“ sucht KinderHelden ab Anfang Juni wieder neue Mentoren – unabhängig von der Zugehörigkeit zu einem Unternehmen. Um dem großen Ziel der Bildungsgerechtigkeit in Deutschland noch näher zu kommen, freuen sich die KinderHelden über jedes Unternehmen der Region, das an einer unternehmensindividuellen „Cleverlinge²“-Partnerschaft interessiert ist. Diese kann individuell auf das Unternehmen angepasst werden.

Interessierte können sich direkt per Mail an Linn Schöllhorn wenden.

Autor: Oliver Brümmer

Fotos: Sascha Hauk