Dr. Peter Görlich, der Geschäftsführer der TSG 1899 Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH, wirkt hochkonzentriert, als er, vorgestellt von Peter Verclas, Präsident des Marketingclubs Rhein-Neckar, die Bühne am verregneten Samstagmittag im Trainingszentrum der TSG betritt. Es ist wieder Großkampftag in der Fußball-Bundesliga. „Jeden Samstag“, so startet Görlich seinen Vortrag zu Innovationsprojekten bei der TSG, „weißt du, dass du als Management ohnmächtig bist. Du sitzt auf der Tribüne und siehst dein Team gewinnen oder verlieren. Ganz egal, wie es ausgeht, du kannst nichts daran ändern. Und im Anschluss ans Spiel stellt die Presse ihre Fragen, beispielsweise warum ein Spieler an dieser oder jener Stelle im Spiel die Grätsche ausgepackt hat.“

Fernab dieser Ohnmacht zieht Görlich jedoch eine große Parallele zwischen dem Profiteam der TSG und seinem dahinterstehenden Management-Team: „Wenn die einzelnen Bausteine des Teams nicht funktionieren, können sowohl die Kicker als auch das nicht spielende Team keine Leistung bringen.“

Volles Haus – der Vortragssaal im TSG Trainingszentrum bis auf den letzten Platz gefüllt

Görlich weiß, wovon er redet. Seit zwei Jahren verantwortet er die Geschicke der TSG-Profiabteilung. Nach seinem Studium der Volkswirtsschafts- und Sportlehre sowie seiner Laufbahn als Torwart in der 3. Liga arbeitet der gebürtige Kraichgauer in diversen Führungspositionen im Gesundheitssektor. Zusätzlich übernimmt er die Leitung des Jugendbereichs. Nach zwei Jahren wechselt er dann in den Profibereich.

Wer Görlich an diesem Tag zuhört, bekommt den Eindruck, dass er aufräumen möchte. Aufräumen mit dem Begriff „Innovation“. „Innovation ist die neue Nachhaltigkeit“, wirft er in den Raum. „Jeder möchte bei der Innovationsparty dabei sein, aber keiner möchte die Umsetzung machen. Wir bei der TSG verstehen unter Innovation Veränderungen im Trainings- und Wettbewerbsprozess. Jedes einzelne Projekt, das wir im Team angehen, verfolgt einzig und alleine ein Ziel: die Rahmenbedingungen für die Spieler zu verbessern. Das müssen nicht immer die großen weltbewegenden Veränderungen sein, das können auch kleine inkrementelle Weiterentwicklungen sein – solange es dem Hauptziel dient.“ Das sei alles andere als leicht im System Fußball-Bundesliga, wo schon die Einführung eines Deuser Gummibands durch Jürgen Klinsmann in den Trainingsalltag der Nationalmannschaft als herausragende Innovation gefeiert wird.“

„Wir haben jeden zweiten Tag Lieferanten auf dem Trainingsgelände, die uns ihr Equipment anbieten. Am Anfang handelten wir da sehr häufig unüberlegt. Die Geräte standen dann oft schnell und unbenutzt in der Ecke. Verlorenes Kapital. Mittlerweile haben wir unser Vorgehen stark professionalisiert: Es gibt jetzt jede Woche einen Innovations-Jour-Fixe, an dem Partner uns ihre Neuentwicklungen vorstellen können. Wir testen diese dann in einer dreimonatigen Probephase. Wenn das Material der Weiterentwicklung unserer Spieler dient, denken wir über einen Kauf nach und treten in Verkaufsgespräche ein. Im gehetzten System Fußball musst du einen solch gnadenlosen Prozess aufsetzen, weil du ansonsten sehr schnell vom Treiber zum Getriebenen wirst.“

Soweit zum strukturierten Management von Neuentwicklungen, aber wie steht es um die Innovationskultur bei der TSG? Dazu Görlich: „Wir machen uns die ganze Zeit darüber Gedanken wie wir Regelbrüche herbeiführen können. Unser Team bekommt bewusst die Freiheit, nach neuen Routinen für die Spieler Ausschau zu halten. Wenn diese als sinnvoll getestet werden, wie beispielsweise der Footbonaut, eine übergroße Ballmaschine, die Schussstärke, Präzision und Schnelligkeit der Spieler vermisst, werden die Trainingspläne der neuen Umgebung angepasst. Und das nicht nur einmalig, sondern kontinuierlich. Es geht sogar so weit, dass den TSG-Akteuren eine App zur Verfügung gestellt wird, mit der sie ihre aktuellen Daten stets ausgewertet erhalten. „Das neue Zauberwort des Fußballs lautet „Individualisierung“, so Görlich. „Es geht um Nuancen. Wir steuern nicht nur über die Belastung, sondern es kommt heute und auch zukünftig darauf an, dass wir die Regenerationsphasen der Spieler so effizient wie möglich gestalten.“

Das Footbonaut der TSG Hoffenheim

Rückblickend auf den Fußballprofisport von noch vor ein paar Jahren zieht Görlich einen einleuchtenden und eindeutigen Vergleich: „Fritz Walter hat viel weniger Kilometer pro Spiel zurückgelegt. Heute laufen die Spieler ihre 12 Kilometer.“ Als weiteren markanten Vergleich Fußball früher und heute zieht Görlich die Ballkontaktzeit heran: „Mario Götze hatte während des WM-Finales eine durchschnittliche Ballkontaktzeit von 2 Sekunden. Günther Netzer kam auf bis zu 6 Sekunden.“

Görlich lässt an diesem Samstagmittag keine Zweifel offen, dass er sich trotz seiner vielseitigen Verpflichtungen als Geschäftsführer der TSG sehr tief mit dem Thema Big Data auseinandergesetzt hat und vor allem auskennt. „Wir wissen genau, dass wir aktuell 70 Millionen Datenpunkte und 870 verschiedene Variablen in unserem System haben. Die Anzahl wächst täglich.“

„Und gerade weil der Datenpool so groß und stets wachsend ist“, betont er, „ist es extrem wichtig, im Voraus zu wissen, welche Informationen ich aus den vielen Daten gewinnen möchte. Wir reichern unsere individuell erhobenen Spielerdaten, wie Laktatkonzentration, Sprungkraft und Richtungswechsel mit eingekauften Daten an und werten sie im Anschluss in unserem Research Lab aus. Hier sitzen Mitarbeiter, die sich nicht von der tollen Welt des Fußballs blenden lassen, sondern die Ahnung von Data Modeling haben. Das können auch ehemalige Hedge-Fonds-Manager sein.“

„Innovation ist das neue Nachhaltigkeit.“ Dr. Peter Görlich

Die Erkenntnisse aus den vorhandenen Daten werden dann nicht nur in der Analyse der aktuellen Protagonisten verwendet, sondern finden ebenso Anwendung beim Scouting von neuen Spielern. Alles wird gebenchmarkt – gegen die eigenen Spieler, gegen Werte der Liga, gegen Werte aus dem europäischen Fußball. Es ist nicht weit hergeholt, wenn Görlich in diesem Zusammenhang vom klassischen Darwinismus spricht. „Im Profifußball geht es um das Überleben der Fittesten. Wir investieren eine Menge Geld in jeden einzelnen Spieler. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass wir die Auswahl sehr sorgfältig durchführen und die Selektionskriterien stets auf den Prüfstand stellen.“

Wenn man Görlich an diesem Mittag über Innovation bei der TSG sprechen hört, gewinnt man sehr schnell den Eindruck, dass der Club mit seiner engen Beziehung zur SAP zwar nicht bei den Spielergehältern von Schalke und Leverkusen mithalten kann, aber dass die Zuzenhausener sehr wohl Maßstäbe in der Bundesliga setzen: Beim Thema Innovation sind sie ganz vorne. Langsam springen Leipzig, München und der Rest der Liga auf den Innovationszug auf. Aber Grund zur Sorge ist das für Görlich noch lange nicht: „Unser Research Lab hat letztes Jahr diverse Masterarbeiten, Doktorarbeiten und Habilitationsschriften betreut. Das ist Uniniveau.“ Allem voran sind es aber klar unsere Spieler auf dem Feld, die die Konkurrenz auf Abstand halten. Auch die Spieler tragen dazu bei, die Konkurrenz auf Abstand zu halten.

Die Wahrheit liegt auf dem Platz: Bundesligaspiel der TSG gegen Bayer 04 Leverkusen

Dr. Peter Görlich im Profil

Nach seinem Studium im Bereich der Sportwissenschaft, Psychologie sowie der Volkswirtschaftslehre mit anschließender Promotion arbeitete Görlich (Jahrgang 1967, aufgewachsen in Zuzenhausen) als Geschäftsführer in Kliniken und Firmen mit Schwerpunkt im Gesundheitswesen. Seitdem begleitet er mehrere Unternehmen, Kliniken (u.a. Ethianum Klinik Heidelberg) und Verbände als Berater, Gesellschafter/ Geschäftsführer oder als Aufsichtsrat. Seit Oktober 2015 ist er Geschäftsführer der TSG 1899 Hoffenheim Spielbetriebs-GmbH, zuständig für die Bereiche Sport, Innovation, Kommunikation, Marketing und Vertrieb. Zuvor leitete er bereits die achtzehn99 Akademie und gegenwärtig ist er zudem Geschäftsführer der achtzehn99 Reha GmbH.

Autor: Oliver Brümmer

Fotos: Sascha Hauk