The winner takes it all: das war der Modus, nach dem letzten Dienstag im Café L3 zum ersten Mal der Mannheimer Center for Entrepreneurship (MCEI) Seed Award vergeben wurde. Es ging um 10.000 EUR Seed-Finanzierung für ein Unternehmen, das 2016 an den Start gegangen ist und in dessen Gründungsteam sich mindestens ein Student oder Absolvent der Universität Mannheim engagiert. Dotiert wurde der Preis von der Heinrich-Vetter-Stiftung, einer vom Mannheimer Mäzen Heinrich Vetter gegründeten NGO, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, „Anschubfinanzierung“ zu leisten und somit Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten.

„15 Teams hatten sich fristgerecht für den Award beworben“, so berichtet Andrew Isaak, Doktorand am Lehrstuhl von Prof. Woywode und Hauptverantwortlicher für die Organisation und Durchführung des Awards. „Leider erfüllten nur neun der Bewerber tatsächlich alle Bewerbungskriterien.“ Aus den neun Bewerbern, die ein breites Themenspektrum von E-Commerce-Lösungen über den Sprachtrainer auf Reisen und das nach ethischen Standards arbeitenden Modelabel bis hin zu Online Cocktail Catering abbildeten, wählte nach dem initialen Screening des Lehrstuhls dann eine unabhängige Jury die drei Finalisten, PulseShift, Your Henry und das Kurpfalz Business Briefing (ku.bus), aus.

Ausverkauftes Café L3: die Veranstalter zählten über 100 Besucher

Aber wie wurde eigentlich die Jury ausgesucht? „Bei der Auswahl der Jury haben wir sehr darauf geachtet, dass wir einen guten Mix aus unterschiedlichen Vertretern der regionalen Institutionen zusammenstellen. Ich habe eine Liste mit potentiellen Kandidaten erstellt. Diese sind wir dann im Lehrstuhl-Team gemeinsam durchgegangen und haben unsere Wunschkandidaten identifiziert, die ich im Nachgang angeschrieben habe“, erklärt Isaak. Die Stadt Mannheim wurde durch Sonja Wilkens und Frank Zumbruch vertreten. Frau Wilkens agiert als Koordinatorin aller Start-up Aktivitäten des Fachbereichs Wirtschafts- und Strukturförderung. Frank Zumbruch leitet die neu gegründete Creative Commision Mannheim als „Cultural Economy Officer“. Unternehmerin und Business Angel Dr. Andrea Kranzer repräsentierte gemeinsam mit Ingmar Wolff vom SAP-nahen Inkubator InnoWerft die Kapitalseite der Jury. Ihre fachliche Perspektive auf die eingereichten Geschäftsmodelle brachten Nicolas Gabrysch, Partner der Anwaltskanzlei Osbourne Clarke, sowie Design Thinker und Innovationsberater Frank Rust ein.

Die Jurymitglieder (von links): Sonja Wilkens (Stadt Mannheim, Fachbereich Wirtschafts- und Strukturförderung), Frank Rust (Inhaber Sommerrust GmbH), Ingmar Wolff (Business Development Manager innoWerft), Nicolas Gabrysch (Partner Osbourne Clarke), Frank Zumbruch (Leiter Creative Commision Mannheim) und Dr. Andrea Kranzer (Unternehmerin/Business Angel)

Die drei Finalisten hatten jeweils zehn Minuten Zeit für eine Präsentation ihres Unternehmens. Im Anschluss folgten für alle eine 5-minütige Q&A-„Stresstesting“-Session, in der sie sich den kritischen Fragen der Jury unterziehen mussten.

PulseShift, der diesjährige Gewinner des MCEI Seed-Awards, startete als Erster mit seiner Unternehmenspräsentation. Das Team hatte sich dazu entschlossen, seinen CEO David Hoeffler auf die Bühne zu schicken, und nicht, wie die anderen Teams, jedem einen Redeanteil einzuräumen. David sagte uns im Nachgang zur Veranstaltung, dass sie den Pitch nochmals intensiv im Team geübt hätten. Nichtsdestrotz sei in der Vorbereitung nicht alles ganz rund gelaufen: „Wir haben sehr früh Notiz von der Veranstaltung genommen und hatten uns eine Teilnahme gedanklich vorgemerkt. Irgendwann sah ich mehr oder minder zufällig, dass in zwei Tagen die Bewerbungsfrist abläuft. Wir haben uns zwei Tage eingeschlossen und sogar noch ein Bewerbungsvideo gedreht. Bei der Erstellung des Pitch Decks kam uns zu Gute, dass der Wettbewerb eine Bewerbung auf Englisch vorsah. Da wir von der ersten Minute unserer Unternehmensgründung unsere Unterlagen schon auf Englisch erstellen, hatten wir keine große Mühe, aus dem bestehenden Material für zukünftige Mitarbeiter und international agierende Kunden schnell ein Pitch Deck zu erstellen.“

Eins ist schnell klar an diesem Abend: PulseShift hat sich mit seiner Umfragelösung im Rahmen großer Unternehmenstransformationen einen gleichzeitig lukrativen wie schwer zu penetrierenden Markt ausgesucht. Es geht um Mitarbeiterdaten von großen Corporates und damit um Themen wie Datenschutz und Betriebsratsgenehmigung. „Mal eben einen MVP ins Netz stellen und dann schauen, wie der Geschäftskunde darauf reagiert und welche Annahmen validiert bzw. widerlegt werden, ist bei uns nicht drin.“ Wie sie dieses schwierige Thema angehen, möchten wir von ihnen wissen. „Wir mussten uns in unseren Gesprächen mit den ersten regionalen Pilotkunden zunächst um eine Rechtsgrundlage bemühen. Diese schafft nun einen klaren Rahmen für Datenerhebung und –verarbeitung und gibt uns jetzt die Möglichkeit, unser Produkt mit den Mitarbeitern der beiden Großunternehmen erstmalig zu verproben.“ Wohlwissend, dass in großen Unternehmen auch langatmige Entscheidungsprozesse häufig nicht selten sind, interessiert uns umso mehr, wie die Gespräche denn bisher verlaufen sind. „Eigentlich waren wir überrascht, wie schnell die Gespräche zum Ziel geführt haben. Bei einem Pilotkunden waren wir etwas länger in der Rechtsabteilung gehangen. Mittlerweile wurden wir an die Fachabteilung übergeben und dort läuft es super unkompliziert“, so Davids Antwort.

David Hoeffler, CEO der PulseShift GmbH, präsentiert vor der Jury

Der Enterprise-Software-Markt ist hart umkämpft. Oracle, SAP, Salesforce – das sind nur drei der international agierenden Unternehmen, die nicht weit weg von PulseShifts „Blue Ocean“-Markt, wie David ihn im Telefonat beschreibt, operieren. Macht das Angst? „Wir schauen uns mit Argusaugen an, was der große Wettbewerb macht. Dennoch besetzen wir mit unserer Lösung des automatisierbaren, leicht skalierbaren Umfrageprozesses eine Nische.“ Eine Nische, an die auch ex-MVV-Personalvorstand Udo Bekker glaubt. Denn: „Er hat unsere Vision sofort verstanden und stellte uns sogar unmittelbar Ansprechpartner im Unternehmen zur Verfügung.“

Was denn nun nach dem Gewinn des Seed Awards die nächsten Meilensteine für PulseShift seien, möchten wir von David wissen. „Wir möchten bis Q3 unsere beiden Pilotprojekte durchgeführt haben, so dass wir gegen Jahresende das Produkt dann allgemein verfügbar machen können. Das ist dann auch der Zeitpunkt, wo wir mit ersten Referenzen über eine erste Finanzierungsrunde nachdenken. Wie viel Kapital wir dann genau benötigen, kann ich noch nicht sagen. Das muss sich zeigen.“

Das ku.bus Team (von links) mit Mathias Lenz, Veronika Spielmann und Oliver Brümmer freuen sich mit Prof. Michael Woywode über eine gelungene Veranstaltung

Nach PulseShift und unserem ku.bus-Team ist es dann an Your Henry, seine Unternehmensidee als letzten „Gig“ des Abends der Jury zu präsentieren. Lucas, Alwin und Lars möchten mit Henry einen Home Manager anbieten, der alle unangenehmen Pflichten des Alltags übernimmt und beim Einkaufen, Putzen und Wäschewaschen hilft. Der Dienst kostet aktuell35 Euro pro Woche, wobei die Gründer betonen, dass davon für den Kunden nach Steuern lediglich 28 Euro effektive Kosten übrig bleiben – es sei ja schließlich eine „haushaltsnahe Dienstleistung“, die steuerlich abzugsfähig sei. Zu den 35 Euro kommen dann noch Kosten für Wäscherei und Reinigung und alle anderen Kosten, die beispielsweise bei Einkauf und Paket- und Postversand von Henry beglichen werden müssen.

Auf den Namen Henry seien sie so gekommen: „Das war eine ganz witzige Story“, erzählt uns Lucas. „Wir wollten uns eigentlich zuerst ‚myjames‘ nennen. Irgendwann haben wir festgestellt, dass zwei Bachelorstudenten aus München schon ‚hellojames‘ betreiben. Wir haben kurz mit ihnen telefoniert und haben uns dann auf diese Lösung geeinigt. Die Jungs haben mittlerweile wieder dicht gemacht, weil das Studium sie zu stark beansprucht. Was uns aber zum damaligen Zeitpunkt sehr weitergeholfen hat, war die genaue Analyse ihrer bereits etablierten Prozesse. Daraus konnten wir viele Rückschlüsse auf unsere eigenen Abläufe ziehen – sowohl in Bezug auf das, was wir ähnlich machen, als auch auf das, was wir komplett verändern möchten.“

Gefragt, wie sie denn überhaupt auf die Idee gekommen seien, einen Home Manager ins Leben zu rufen, führt Lucas aus: „Alwin, Mark und ich wollten schon immer etwas Eigenes machen. Wir haben dann mehrere Ideen mit der Methode des Negativpitches durchgespielt. Jeder musste seine Idee vorstellen und die anderen versuchten, sie schlechtzureden. Wenn am Ende immer noch etwas Gutes übriggeblieben ist, haben wir uns den Einfall genauer angeschaut. Am Ende waren noch zwei Konzepte im Rennen. Es wurde Your Henry, weil jeder von uns sich damit identifizieren konnte und wir alle unter Zeitmangel für Haushaltstätigkeiten leiden.“

Und weiter: „Wir haben die Idee dann relativ schnell mit einer studentischen Home Managerin in der eigenen Wohnung getestet. Wir sind unserem MBA nachgegangen, sie hat für uns zwei Monate lang die Wohnung und Dienstleister kostenoptimierend koordiniert. Das hat so gut funktioniert, dass wir eine GmbH gegründet haben und seit Anfang 2017 im Handelsregister eingetragen sind.“ Jedoch gibt es auch Tücken des deutschen Marktes, die das Geschäftsmodell erschweren. „Ja, es braucht Vertrauen, um jemandem wie Henry seinen Wohnungsschlüssel zu überlassen. Wir sorgen mit einem mehrstufigen Auswahlverfahren unserer Home Manager dafür, dass wir integere Mitarbeiter beschäftigen und anlernen“, erklärt Lucas.

Das Team von Yourhenry beim Pitch (von links): Lucas Trunk, Lars Ruhland und Dr. Alwin Stöter

In Zukunft möchten die Your Henry-Jungs sich noch stärker ihrem Unternehmen widmen. Lucas beobachtet, dass sich der Markt aktuell vorteilhaft für eine Dienstleistung wie Your Henry entwickelt. Immer mehr Start-ups arbeiten in diese Richtung und es gibt aus seiner Sicht vermutlich kein Unternehmen, das mit so vielen Start-ups als Dienstleistern zusammenarbeitet wie Your Henry. Alwin, Mark und Lucas haben sich fest vorgenommen, nach Beendigung ihres MBA-Studiums in Mannheim im Sommer, die Themen Qualität und Sicherheit ihres Angebots in den Vordergrund der Entwicklung zu stellen. „Wir möchten unseren Testdienst in Karlsruhe und Ettlingen weiter ausbauen, weniger ressourcenintensiv arbeiten und fehlerunanfälliger werden.“ Was sie sich dringend einmal anschauen möchten – Tipp eines Jury Mitglieds des MCEI! – ist das B2B-Geschäft. Viele Unternehmen geben ihren Mitarbeitern Corporate Benefits in Form eines kostenlosen Reinigungsdienstes und schenken so mehr Arbeits- oder Freizeit. „Auch das wäre eine weitere Ausbaustufe unseres Geschäftsmodells“, sagt Lucas. Was würde denn passieren, wenn sie erste Bestellungen aus Mannheim erhielten, möchten wir noch wissen: „Ab fünf Kunden würden wir eine neue Stadt wie Mannheim öffnen“, entgegnet Lucas mit einem Lachen.

ku.bus gratuliert den Jungs von PulseShift zum Gewinn des diesjährigen Awards (well done!) und beglückwünscht das Team von Your Henry zu einem hervorragenden zweiten Platz.

PulseShift, Your Henry und ku.bus möchten sich an dieser Stelle ganz herzlich gemeinschaftlich beim MCEI und den Verantwortlichen der Heinrich-Vetter-Stiftung für die Auslobung dieses großartigen Awards bedanken und bauen auf eine Fortführung des gelungenen Formats in 2018.

Die Akteure des Seed Award im Überblick

PulseShift GmbH: https://pulseshift.com

Deine Glücksritter GmbH i.G.: http://your-henry.de/

Heinrich-Vetter-Stiftung: https://www.heinrich-vetter-stiftung.de

Mannheim Center for Entrepreneurship and Innovation (MCEI): https://www.mcei.de/

Autor: Oliver Brümmer

Fotos: Sascha Hauk